“Außenansicht” – ein in der Süddeutschen Zeitung nicht veröffentlichter Beitrag

Vorbericht: Der hier veröffentlichete Beitrag von Dr. med. Ulf Riker, Facharzt für Innere Medizin – Homöopathie, Fachprüfer für Homöopathie der Bayerischen Landesärztekammer und Dr. med. Marieluise Schmittdiel, Fachärztin für Allgemeinmedizin – Homöopathie, Vorsitzende des Landesverbandes Bayern des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), war an die Süddeutsche Zeitung (SZ) gerichtet – von der jedoch keine Antwort kam. In der Rubrik “Außenansicht” im Ressort Wissen werden Gastbeiträge veröffentlicht, so Mitte August vom Prof. Edzard Ernst – ein führender Akteur der Homöopathie-Kritik – mit dem Titel “Homöopathie ist reine Placebo-Therapie”, es folgte eine Woche später ein differenzierterer Beitrag von Prof. Winfried Reif, “Placebos als bessere Medizin”. Ulf Riker und Marieluise Schmittdiel haben eine eigene Sicht auf das Thema, hier ihr Beitrag:

Homöopathie ist auch Placebo – Aber ihre Wirksamkeit geht darüber hinaus. Oft genug mit erstaunlichen Ergebnissen

Im Jahr 2010 hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer offiziell zum Thema „Placebo in der Medizin“ Stellung genommen. Demzufolge handelt es sich nicht um ein Synonym für „Wirkungslosigkeit“ oder „nur eingebildeten Nutzen“, vielmehr gebe es “in der medizinischen Praxis keine therapeutische Maßnahme ohne einen potentiellen Placeboeffekt“. Eine „zusammenführende Forschung“ zu den Aspekten „Scheinmedikament“, „Erwartungshaltung“ und den Interaktionen gebe es aber noch gar nicht.

Prof. Rief hat als klinischer Psychologe und Placeboforscher erst kürzlich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass „Placebo-Behandlungen hoch effektiv und langfristig wirksam“ sein könnten, diese Effekte aber „der heutigen Medizin nichts wert“ seien. Vor diesem Hintergrund mutet der Kampf gegen die Homöopathie seltsam an: ihre Berechtigung als therapeutische Methode habe sie verwirkt, weil es sich ja „nur“ um Placebo-Effekte auf dem Boden von Kontextfaktoren handele. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein: Wenn unspektakuläre weiße Zuckerkügelchen denselben Effekt wie rote oder blaue Pillen oder gar Injektionen haben, wenn homöopathische Ärzte ohne jede psychotherapeutische Zusatzqualifikation  ähnliche Heilwirkungen wie ihre Kollegen erzielen, und wenn das sogar nebenwirkungsfrei geschieht, weil „wirkstoff-freie“ Globuli im Gegensatz zu herkömmlicher Medizin ja gar keine pharmakologisch begründeten Nebenwirkungen haben können, dann müsste Homöopathie als die beste aller verfügbaren Behandlungsalternativen anerkannt, intensiv gefördert und weiter beforscht werden! Gerade Letzteres lehnen die Kritiker der Homöopathie aber strikt ab mit der Begründung, der Placebo-Aspekt sei ohnehin evident!

Diese Begründung legt den Schluss nahe, die Placebo-Forschung könne bereits mit abschließenden und eindeutigen Ergebnissen aufwarten. Das Gegenteil ist der Fall: Die hochspannende Forschung steht selbst erst am Anfang, viele Fragen sind unbeantwortet, z.B.: Welche Persönlichkeitsmerkmale machen einen Patienten zu einem guten Placebo-responder? Wie lange hält eine Placeboreaktion an und von welchen Faktoren ist ihre „Haltbarkeit“ abhängig? Wie unterscheidet sich die Placebowirkung bei einem erfahrenen Psychotherapeuten von dem eines homöopathischen Arztes? Worin unterscheidet sich die Placebomächtigkeit unterschiedlicher Therapieansätze der akademischen Medizin? Diese und andere Fragen zeigen: auch auf diesem Feld fehlen – ähnlich wie in der Homöopathie – noch viele Antworten und man darf zur Diskussion stellen, ob es zulässig ist, die Homöopathie zu disqualifizieren mit Verweis auf einen anderen Forschungsgegenstand, den man ebenfalls mit „work in progress“ beschreiben darf.

Jenseits theoretischer Überlegungen ist Homöopathie aber auch eine erfahrungsbasierte Medizin, die auf lehr- und lernbaren Regeln beruht! Ihr Alter von weit über 200 Jahren macht sie einerseits des Stillstandes und mangelnder Relevanz verdächtig, andererseits haben Generationen von Anwendern den phänomenologischen Ansatz immer weiter entwickelt, verfeinert und an die Neuzeit adaptiert. Eine Herausforderung besteht darin, auf Grund individueller Patientensymptome eine nachvollziehbare Arzneiwahl zu treffen. Eine andere liegt in der Verlaufsbeobachtung nach Arzneigabe. Hier öffnet sich ein weites Feld ganz unterschiedlicher Reaktionen, die sich einer Erklärbarkeit durch lineare Placebo-Modelle entziehen. Wie soll man sich die Tatsache erklären, dass bei hoher Patientenerwartung und idealem Setting die eigentliche Hauptbeschwerde (z.B. Migräne) unverändert bleibt, dafür aber andere Symptome, die zunächst gar nicht im Fokus waren, plötzlich und unerwartet verschwinden (z.B. die Schlaflosigkeit)? Oder was geht vor, wenn nach homöopathischer Arzneigabe Teilsymptome verschwinden, andere bestehen bleiben und sogar neue Symptome auftreten, letztere aber nicht zufällig sind, sondern sich dem erfahrenen Homöopathen als Facetten aus dem Arzneimittelbild der verordneten Arznei zu erkennen geben, was der Patient aber gar nicht wissen kann? Wie plausibel ist es, dass selbst ernste Krankheiten samt ihrer objektiven Befunde allein durch zeitintensive Zuwendung und scheinbar wirkstofffreie Globuli wesentlich gebessert oder sogar geheilt werden können (was übrigens selbst von Kritikern nicht grundsätzlich bestritten wird)? Praxis- und Patienten-Erfahrungen zeigen, wie wichtig weitere differenzierte und seriöse Forschung sowie ein respektvoller Dialog von Vertretern und Kritikern der Homöopathie sind! Einfache Antworten werden wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht, sondern zerstören Chancen und Vertrauen. Verlierer sind am Ende die Patienten.

Lesen Sie hier auch einen von der SZ nicht-veröffentlichten Leserbrief von Dr. Ulf Riker zu einem Beitrag von Werner Bartens zum Lehrstuhl Komplementärmedizin an der Uni Tübingen.

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