BPH kommentiert Skeptiker-Brief an Gesundheitsminister Spahn

Sehr geehrter Herr Bundesminister Spahn,

Sie haben am 14. Juni Post vom sogenannten Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) erhalten. Wir, der Bundesverband Patienten für Homöopathie (BPH), können diesen offenen Brief so nicht stehen lassen, und kommentieren in blauer Schrift in den Text hinein.

Eine Vorbemerkung zur Homöopathie-Kritik. Prof. Dr. med. Peter F. Matthiessen, er ist im Frühjahr verstorben und war u.a. Sprecher des Dialogforums Pluralismus in der Medizin, schrieb Ende 2018 in der Zeitschrift für Onkologie einen von 39 Professoren unterzeichneten Beitrag, darin heißt es: „Angesichts fehlender Plausibilität zu den Wirkprinzipien der Homöopathie ist es Mode geworden, deren therapeutische Wirksamkeit in Abrede zu stellen, obwohl die hierzu publizierte Evidenz für eine Wirksamkeit spricht.“

Nun zu dem Brief. … „als Informationsnetzwerk Homöopathie tragen wir seit 2016 zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Hintergründe der Homöopathie bei und haben dabei auch den sogenannten „Binnenkonsens“ des Arzneimittelgesetzes im Fokus. Das INH ist Teil der Anti-Homöopathie-Kampagne im Verbund mit der Skeptizisten-Organistation „GWUP“. Ziel ist die Verdrängung der Homöopathie aus dem Gesundheitswesen,  aus der Praxis, aus der Apotheke, aus den Hochschulen.

„Am gestrigen Abend durften wir im Deutschen Fernsehen erleben, wie die Homöopathie zum Gegenstand von prominenter Satire wurde. Mehr als 20 Minuten lang brannte Jan Böhmermann in seinem „Neo Magazin Royale“ ein Feuerwerk zum Thema ab, das – wie alle gute Satire – nichts anderes präsentierte als die Fakten.“ Diese vorgeblichen Fakten wurden wohl zum größten Teil von den Unterzeichnern des offenen Briefs beigesteuert, die auch in der Sendung ausführlich zu Wort kamen. Die gesamte Argumentation und Sprache des Böhmermann-Beitrags war die der Anti-Homöopathie-Kampagne! Böhmermann tituliert homöopathische Ärzte und Heilpraktiker als „Hochstapler“, „gewerbsmäßige Lügenbarone“, die nur „Scheiße labern“  – damit ist nach unserem Geschmack die Grenze von (guter) Satire hin zu unsachlicher Polemik bei weitem überschritten.

„Wir werten dies als deutliches Zeichen dafür, dass die öffentliche Reputation der Homöopathie, …, massiv erodiert.“  Ein Ziel der Anti-Homöopathie-Kampagne von INH & Co. ist, den guten Ruf der Homöopathie in der Gesellschaft zu schädigen. Dies formuliert der Skeptiker-Stratege Udo Endruscheit in einem Leser-Kommentar auf dem anonymen (!) Skeptiker-Blog „Psiram“ am 01.12.2018 sehr deutlich: „Aber was im Sinne eurer Ausführungen nötig wäre, das ist das Zerschlagen der öffentlichen, der sozialen Reputation der Homöopathie.“

“Mehr und mehr Menschen sehen eine nicht nur medizinfachliche, sondern auch intellektuelle Zumutung darin, dass Homöopathie für eine wirksame medizinische Methode ausgegeben wird und empfinden dies als unhaltbaren Anachronismus.” Fakt ist: Repräsentative Umfragen belegen Jahr für Jahr den hohen Stellenwert der Homöopathie, 56 Prozent (Kantar TNS  Repräsentative Befragung Bevölkerung 2018) der Deutschen haben bereits Erfahrung mit Homöopathie. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, viele schreiben uns ihre Geschichten, zum Teil sehr ausführlich. Eines haben sie  gemeinsam: gerade bei chronischen Erkrankungen konnte ihnen die konventionelle Medizin nicht gut helfen, erst als die Homöopathie hinzukam, gingen Symptome zurück und die Lebensqualität stieg wieder an.

“Die Konstruktion des sogenannten Binnenkonsens im Paragrafen 38 des AMG stellt nichts weniger dar als die partielle Verkehrung des Sinns des AMG in sein völliges Gegenteil. …” „Als 1976 das Arzneimittelrecht in Deutschland reformiert wurde, bekannte sich der Gesetzgeber ausdrücklich zu einem ´Wissenschaftspluralismus in der Arzneimitteltherapie`, der sich im Bereich der Zulassung von Arzneimitteln ´deutlich widerspiegeln` müsse“, heißt es im Jahresbericht 2017 des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zum Paragrafen 38 AMG. Und weiter: „Registrierte homöopathische Arzneimittel werden dabei ohne Indikation in Verkehr gebracht. Dementsprechend hat der Gesetzgeber für diese Gruppe von Arzneimitteln keinen Wirksamkeitsnachweis vorgesehen.“ Für welche Indikation sollte auch ein Nachweis erbracht werden? „Selbstverständlich werden in den jeweiligen Antragsverfahren alle homöopathischen Arzneimittel – wie jedes andere Arzneimittel auch – durch das BfArM umfassend bewertet“, schreibt das BfArM. Hier zeigt sich ein bewährtes und sicheres Verfahren.

“Die fehlende Intersubjektivität darin ist offensichtlich: Niemand kann nach objektiven Maßstäben die Heilsversprechen der Homöopathie (oder auch der Anthroposophie) nachvollziehen. Nach über 200 Jahren bleibt es bei Behauptungen, die niemals nach intersubjektiven Kriterien irgendwie verifiziert werden konnten. Dies ist der unbestreitbare Stand der Wissenschaft, dem die Gesetzeslage unsinnigerweise widerstreitet und die interessierten Kreisen als Scheinbegründung ihrer unhaltbaren Positionen dient.” Zunächst: Gibt es einen „unbestreitbaren Stand der Wissenschaft“? Oder befindet sich Wissenschaft in einem ständigen Prozess und entwickelt sich Wissenschaft gerade durch unterschiedliche Positionen und Interpretationen.  In diesen Tagen ist ein großer internationaler Wissenschaftskongress in London zu Ende gegangen, dort wurde neueste Homöopathie-Forschung diskutiert. Professor Dr. Robert G. Hahn, schwedischer Anästhesist und Intensivmediziner,  u.a. außerordentlicher Professor am Karolinska Institut bei Stockholm kommt zu dem Schluss: „Zur Schlussfolgerung, dass Homöopathie klinisch nicht wirksam sei, kann man nur kommen, wenn man 90 Prozent aller klinischen Studien zur Homöopathie ignoriert und nicht auswertet!“ Beispielsweise gibt es  sechs Meta-Analysen zur Homöopathie, fünf davon waren positiv. Die Homöopathie ist eine immer besser erforschte Methode, in den Datenbanken der Carstens-Stiftung sind die Studien einzusehen.

“… Im richtigen Verständnis gibt es nur eine Medizin: Diejenige, die wirkt. Diejenige, die die Frage „Wo ist der Beweis?“ wissenschaftlich beantworten kann. Daneben braucht es weder Alternatives, noch Komplementäres, noch Integratives. … ” In der täglichen Praxis sind vielleicht 20 oder 30 Prozent des ärztlichen Handelns evidenzbasiert. In der heutigen Interpretation der Evidenzbasierten Medizin wird zunehmend ein ganz wichtiger Faktor vergessen: Der Mensch. Und der gehört nach dem Begründer der EbM, David Sackett, auch in die Bewertung. Seine Kriterien sind: den aktuellen Stand der klinischen Forschung (externe Evidenz), die individuelle klinische Erfahrung des Arztes (interne Evidenz) sowie die Werte und Wünsche des Patienten. Natürlich gibt es nur eine Medizin und zu dieser gehören auch die Besonderen Therapierichtungen. Die Therapievielfalt ist ein hohes Gut und vor allem von Ärztinnen und Ärzten in der täglichen Praxis hoch geschätzt. Deshalb gibt es die Zusatzbezeichnung Homöopathie. Auf Antrag der Skeptiker sollte sie vom Ärztetag 2018 abgeschafft werden – sie wurde von der Ärzteschaft bestätigt und Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) bis Mai 2019, bekräftigte ihren Stellenwert: „Es ist eine Tatsache, dass Homöopathie vielen Menschen hilft. Wichtig ist, dass es jemand macht, der weiß, wann sie nicht mehr helfen und dann auf normale schulmedizinische Verfahren umsteigen kann. Ich sehe die Homöopathie als eine komplementäre Medizin. In Verbindung mit guter medizinischer Ausbildung macht das Sinn.“ Was Medizin ist, brachte der ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, auf den Punkt: „Medizin ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch wissenschaftlicher Erkenntnisse aus anderen Fachgebieten bedient“.

“Wir stehen Ihnen jederzeit mit unserer Expertise in jeder Ihnen genehmen Form zur Verfügung.” Dem schließen wir uns gerne an.

“Hochachtungsvoll” und herzliche Grüße,

Meinolf Stromberg, Vorsitzender des Bundesverbandes Patienten für Homöopathie

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