„Wir sollten aus COVID-19 lernen und in Zukunft nicht mehr so viel verschieben“

Interview mit Dr. med. Nikolaus Hock, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit der Zusatzbezeichnung und der Weiterbildungsbefugnis Homöopathie der bayerischen Landesärztekammer. Ausbildung in der Universitätsnervenklinik München. Seit 1999 Gründer und niedergelassen im Homöopathisch therapeutischen Praxiszentrum München.

Welche Ängste oder Sorgen nehmen in Zeiten von Corona spürbar zu?

Zum einem nehmen die wirtschaftlichen Sorgen natürlich sehr zu, weil viele unmittelbar von den Konsequenzen des Lock down betroffen sind. Die Angst vor Ansteckung ist individuell sehr verschieden, Patienten mit ernsten psychiatrischen Krankheiten bleiben davon übrigens eher ungerührt, da sie mit ihren Symptomen ohnehin genug zu tun haben. Viele andere wissen allerdings nicht, wie sie mit ihrem individuellen Risiko und der Möglichkeit, selbst Ansteckungsquelle zu sein, umgehen sollen. Viele Menschen sind verunsichert, wie sie auf den anderen zugehen können, niemand möchte schuld sein an der Erkrankung des anderen.

Durch die vielen verschiedenen Meinungen in der Presse kommt eine zusätzliche Verunsicherung, weil man nicht mehr weiß, wem man glauben schenken kann.

Und die massiven staatlichen Maßnahmen erwecken den Eindruck, dass der einzelne Mensch plötzlich für den anderen zu einem Bedrohungsfaktor geworden ist.

Auf der anderen Seite ist Corona natürlich eine Möglichkeit, sich von den ungelösten vorher schon bestehenden Konflikten, wie etwa der Klimawandel, schwierige persönliche odersoziale Beziehungen oder auch drohende Altersarmut abzulenken. Diese Konflikte werden alle wieder spürbar werden, wenn die medizinische und soziale Erregung wegen COVID-19 abgeklungen ist.   

Der Mensch ist ein soziales Wesen, hat Freunde und nun lebt er in Isolation – was raten Sie ihm, was er für sich tun kann?

Ich rate meinen Patientinnen und Patienten, dass sie sich an schöne Ereignisse aus den letzten Jahren erinnern sollen und mit wem sie sie miterlebt haben. Wie Viktor Frankl gesagt hat: „Für gewöhnlich sieht der Mensch nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit; was er übersieht, sind die vollen Scheunen der Vergangenheit. Im Vergangensein ist nämlich nichts unwiederbringlich verloren, viel mehr alles unverlierbar geborgen“.

Wir haben die Möglichkeit Freunden zu schreiben, vielleicht sogar länger zu telefonieren und festzustellen, was wir in der Vergangenheit aus subjektiv erlebtem Zeitmangel alles versäumt haben.  Zusätzlich können wir erkennen wer und was einem wirklich wichtig ist, wir erschrecken vielleicht, wie wir in der Vergangenheit Zeit vergeudet haben und welche Freunde wir schon länger mal wieder hätten besuchen können.

In der Gegenwart zeigt sich oft die eigene Unzulänglichkeit und Unfähigkeit in der Vergangenheit. Wir sollten aus COVID-19 lernen und in der Zukunft nicht mehr zu viel verschieben.

Wie helfen Sie Menschen mit Ängsten?

Gegen die Angst zu gewinnen ist psychisch unmöglich, sie kann nur aufhören. COVID-19 zeigt uns, dass wir mit den Machbarkeits- und Kontrollwahn an eine Grenze gekommen sind. Ich plädiere deshalb für die Anerkennung von Ohnmacht und Vertrauen anstelle von eingebildetem Machtbewusstsein und Misstrauen. Wir sollten unterscheiden lernen zwischen imaginären Ängsten, wie bei psychiatrischen Patienten z.B. in der Hypochondrie und realen Ängsten, denen man nicht entgehen kann. Angst ist ein treuer Begleiter des Menschen von der Geburt bis zum Tod.

Häufig hilft es, die Angst in die Sprache zu bringen, um ihr dadurch das diabolische zu nehmen. Reale Ängste sind im Allgemeinen mit anderen sehr gut kommunizierbar, da diese bei jedem Menschen in verschiedener Ausprägung vorhanden sind und deshalb auch verstanden werden.

Die COVID-19 Isolation entspricht psychiatrisch einer Depression,.mWir wollen nur noch, dass es endlich vorbei ist ohne, und wissen doch nicht, wann dies sein wird. Ein sicherer Zeitpunkt des Endes der Isolation bzw. der Ansteckungsgefahr würde eine enorme Entlastung bedeuten.

Wie kann die Homöopathie hier helfen?

Die Therapie derartiger Stresssituationen unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der Behandlung anderer Belastungsreaktionen oder Anpassungsstörungen, wie sie jeder Mensch im Leben mehrfach erlebt. Es müssen die individuellen Ängste des Patienten exploriert werden, die meistens auf einer Angst vor Ansteckung mit daraus resultierender Todesangst bzw. wirtschaftlicher Verarmung hinauslaufen. Neben der Findung des homöopathischen Mittels ist aber ebenfalls wie sonst geduldiges Zuhören und kein vorschnelles Kategorisieren wie etwa „ich versteh Sie“ gefordert.

Jeder reagiert auf externe Bedrohungen verschieden, wenn auch bei plötzlich auftretenden Katastrophen die Verhaltensweisen der Menschen eher einheitlich sind. Je stärker sich der Mensch durch eine Situation bedroht oder überfordert fühlt, desto ähnlicher werden die früher individuellen Reaktionen. Glücklicherweise haben wir genügend homöopathische Medikamente, die den Patienten eine Heimat geben. Heimat bedeutet dabei folgendes: in der Arzneimittelprüfung sind die Symptome, die der Patient jetzt als bedrohlich/vernichtend/verängstigend erlebt schon einmal aufgetreten, der Patient ist mit seinen Symptomen also nicht allein, da sie vor ihm schon einmal in der Welt waren. Jeder Mensch braucht eine Heimat bzw. sehnt sich danach. Nicht umsonst kommt z.Z. auf vielen Handys auf dem Display statt des Namens des Anbieters die Nachricht „stayhome.de“. Das richtige individuelle homöopathische Arzneimittel kann dem Patienten diese Heimat zurückgeben, auch wenn sie vordergründig bedrohlich erscheint.

Er kennt sich plötzlich wieder aus, fühlt sich sicherer in einer Welt von Bedrohung und Ungeborgenheit. Die imaginären (vorgestellten und eingebildeten) Ängste werden wieder mit der Welt verbunden und verlieren dadurch ihre Macht. Das kann die Homöopathie leisten. Wir haben diesbezüglich wirklich etwas anzubieten.

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