Grüne bekennen sich zur Therapievielfalt und Selbstbestimmungsrecht der Patient*innen

Zum ersten Mal bekennen sich die Grünen in einem Grundsatzprogramm zum Wert der integrativen Medizin. So der Beschluss der Bundesdelegiertenkonferenz (20.-22.11.).

Die Grünen bekennen sich zur „Wahlfreiheit im Gesundheitswesen“ und dass sich Versicherte „im Krankheitsfall zwischen unterschiedlichen qualitätsgesicherten Angeboten und Therapien“ entscheiden können. Dafür braucht es „Therapievielfalt und das Selbstbestimmungsrecht der Patient*innen.“  Auch die Komplementärmedizin wird explizit erwähnt: „Viele Menschen nutzen Komplementärmedizin, die somit eine relevante Rolle in der heutigen Gesundheitsversorgung spielt.“ Ebenso wird sich zur Forschungsförderung in diesem Bereich bekannt, „Forschung zur Wirksamkeit zum Beispiel von Naturheilverfahren soll unterstützt werden.“

Die Anträge

Antragsteller Dr. med. Ulrich Geyer, Internist und Integrativmediziner aus Heidenheim, zeigte sich hoch zufrieden mit dem Ergebnis. „Die Grünen bekennen sich zu dem, was die Mehrheit der Menschen wollen, das Beste aus beiden Welten, so wie es die WHO definiert. Die Menschen wollen neben der konventionellen Medizin auch komplementäre Therapieverfahren aus der Natur.“ Auch Mitantragstellerin Bärbl Mielich, Staatssekretärin des Sozialministerium in Baden Württemberg, begrüßte die Entscheidung der Delegierten. „Im Grundsatzprogramm findet sich die Handschrift aus Baden Württemberg. Hier ist integrative Medizin gelebte Praxis, die unser Medizinsystem bereichert.“

Ein weiterer Antrag, bei dem es um die Erstattung von Leistungen ging, lautete: „Welche Leistungen der Gesundheitsversorgung von der Solidargemeinschaft übernommen werden sollen, orientiert sich daran, ob diese medizinisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und ob deren Wirksamkeit nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin (EbM) anzunehmen ist.“ Hier entschieden sich die Delegierten aber für die Version des Bundesvorstandes, der formulierte: „Leistungen, die medizinisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist, müssen von der Solidargemeinschaft übernommen werden.“ Antragsteller Yatin Shah, Arzt und Forscher aus Potsdam, betont, dass es bei diesem Antrag um die allgemeine Erstattung von Leistungen für alle medizinischen Therapierichtungen ging. Die Antragsteller*innen wollten eine Modifizierung der sehr ungenauen Formulierung erreichen. Shah erklärt: „Über 70 Prozent aller Leistungen, die momentan von der GKV bezahlt werden, dürften bei strenger Auslegung der Definition von Wirksamkeit nach dem jetzigen Beschluss gar nicht übernommen werden“ und betont: „Wir fordern lediglich, was gängige Wissenschaftspraxis ist und für alle Therapierichtungen gilt.“

Kontakt für Pressefragen:

Dr. Ulrich Geyer, geyerul@gmail.com

Yatin Shah, yatin.shah@charite.de

Anlagen:

Modifiziert angenommener Antrag GSP.Z-01-400: KAPITEL 4: ZUSAMMEN LEBEN

Wahlfreiheit im Gesundheitswesen bedeutet, dass Versicherte die Möglichkeit haben, sich im Krankheitsfall zwischen unterschiedlichen qualitätsgesicherten Angeboten und Therapien zu entscheiden. Dafür braucht es Therapievielfalt und das Selbstbestimmungsrecht der Patient*innen. Viele Menschen nutzen Komplementärmedizin, die somit eine relevante Rolle in der heutigen Gesundheitsversorgung spielt. Die Forschung zur Wirksamkeit zum Beispiel von Naturheilverfahren soll unterstützt werden.

Begründung:

Die Menschen wollen ein Miteinander von Schulmedizin und Naturmedizin: Für die Mehrheit der Patient*innen ist die integrative Medizin gelebte Praxis (Laut Umfragen wünschen sich 70 % der Menschen ein Miteinander von konventioneller Medizin und komplementären Therapien).

Zu den Verfahren der integrativen Medizin, die ergänzend und/oder im Verbund mit der konventionellen Medizin eingesetzt werden, zählen u. a. die Mind-Body-Medizin, Phytotherapie, Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Traditionelle Chinesische Medizin, Kneipp-Verfahren, Ayurvedische Medizin, Osteopathie und Naturheilkunde.

Über 60.000 Ärzt*innen arbeiten in Praxis und Krankenhaus mit komplementären Therapieverfahren. Sie sind doppelt qualifiziert: Neben ihrer schulmedizinischen Ausbildung haben sie eine entsprechende Zusatzausbildung/-weiterbildung abgeschlossen, was Patientensicherheit gewährleistet.

Die integrative Medizin bietet zusätzliche Therapieoptionen beispielsweise bei chronischen Erkrankungen, in der Schmerzversorgung oder in der Prävention. Außerdem zeigen Studien, dass integrativ arbeitende Ärzt*innen Antibiotika einsparen, was helfen könnte, Resistenzentwicklung zur verhindern, dass dann bei schwerwiegenden Erkrankungen dringlich erforderliche Antibiotika zur Verfügung stehen.

Um integrative Medizin noch besser zu erforschen, bedarf es einer öffentlich finanzierten und auf hohem Niveau durchgeführten Forschung.

GSP.Z-01-396: KAPITEL 4: ZUSAMMEN LEBEN

Nicht angenommener Antrag

221) Welche Leistungen der Gesundheitsversorgung von der Solidargemeinschaft übernommen werden sollen, orientiert sich daran, ob diese medizinisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und ob deren Wirksamkeit nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin (EbM) anzunehmen ist. Evidenzbasierte Medizin berücksichtigt den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung, die ärztliche Erfahrung und die Präferenzen der Patient*innen.

Begründung:

Der Begriff „wissenschaftlich“ in der Altfassung hat keine einheitliche Definition und lässt unberücksichtigt, dass eine Vielzahl etablierter medizinischer Verfahren (beispielsweise in der Kinderheilkunde, bei der Anwendung diverser Psychopharmaka, bei neuentwickelten Krebsmedikamenten, sowie bei einigen chirurgischen Verfahren, etc.) keinen Wirksamkeitsnachweis nach streng wissenschaftlichen Standards vorweisen können. Die ursprüngliche Formulierung lässt außerdem die Aspekte Patient*innenpräferenz und klinische Expertise/Erfahrung von Therapeut*innen außer Acht und widerspricht damit dem Ziel einer patient*innenzentrierten Medizin. Im Gegensatz dazu werden diese Aspekte in der evidenzbasierten Medizin (EbM) – insbesondere die Rechte und Präferenzen von Patient*innen, sowie die jeweilige individuelle Situation bei der klinischen Entscheidungsfindung – berücksichtigt.

Angenommener Antrag des Bundesvorstand

Leistungen, die medizinisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist, müssen von der Solidargemeinschaft übernommen werden.

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