MS, die Krankheit der 1000 Gesichter

Interview mit Dr. med. Christa von der Planitz, Ärztin, Homöopathie, Bayreuth

Multiple Sklerose: Die Homöopathie braucht den Vergleich mit konventionellen Medizin nicht zu scheuen

Warum machen so viele MS-Patienten Erfahrungen mit komplementären Heilmethoden?

Trotz Verbesserung und Ausweitung der bei MS gebräuchlichen Immuntherapien ist der Erfolg dieser eingreifenden Maßnahmen umstritten. Lediglich ca. 1/3 der Patienten reagieren gut auf diese Behandlung. Meistens werden sie wegen der erheblichen Nebenwirkungen abgebrochen und MS-Patienten suchen deshalb nach wirksamen komplementären Heilweisen.

Wie sieht für Sie die optimale homöopathische Therapie aus?

Die optimale Therapie der MS erfordert eine ganz besonders sorgfältige Simile-Diagnose – sowohl bei der Behandlung des akuten Schubs als auch hinsichtlich der Fallstrategien, die bei chronischen Krankheiten anzuwenden sind. Außerdem ist fast immer eine Behandlung der begleitenden psychischen Störungen, des individuellen Stressmusters erforderlich. Weiterhin müssen vorausgegangene Schäden, wie etwa durchgemachte körperliche und seelische Traumata oder andere individuelle Schubauslöser mit dem jeweils passenden, optimal auf alle auffälligen Reaktionen des erkrankten Menschen abgestimmten, homöopathischen Mittel behandelt werden.

Können Sie heilen oder lindern Sie die Symptome in aller Regel?

Es wäre eine Anmaßung im Hinblick auf die MS von einer Heilung zu sprechen. Als geheilt kann man einen Patienten mit einer Autoaggressionskrankheit erst nach langen symptomfreien Zeiträumen von 10-20 Jahren oder noch später betrachten. Sprechen wir also lieber von nachlassenden Krankheitssymptomen. Diese brauchen aber den Vergleich mit den schulmedizinischen Therapieergebnissen durchaus nicht zu scheuen. Selbst bei weniger günstigen Verläufen kann man viele unangenehme Symptome noch deutlich lindern.

Bei welchen Beschwerden haben Sie die größten Erfolge?

Die MS äußert sich sehr vielgestaltig. Relativ gut sprechen auf die Behandlung Gefühlsstörungen, mäßig bis mittelgradig ausgeprägte Lähmungen, mäßige Spastik, Schmerzzustände, Blasenstörungen und oft auch Mastdarmstörungen an. Weiterhin sind Infektanfälligkeit und seelische Traumata, die immer die Gefahr eines Schubs heraufbeschwören, in der Regel gut homöopathisch zu therapieren. Schwieriger wird es mit fortgeschrittenen Störungen der Gleichgewichtsregulation und der Bewegungskoordination, schwerer Spastik, schweren Schmerzzuständen und Störungen der unteren Hirnnerven in weit fortgeschrittenen Stadien.

Sehr häufig lassen sich Sehstörungen, Gefühlsstörungen, mäßig bis mittelgradig ausgeprägte Lähmungen, mäßige Spastik, Blasen- und  Mastdarmstörungen, Schmerzzustände und Missempfindungen wieder zurückbilden oder doch deutlich bessern, vor allem, wenn sie noch nicht allzu lange bestehen. Deutlich schwieriger wird es bei schwerer Spastik und ausgeprägten Ataxien. Aber auch hier sind oft noch Linderungen möglich.

Welche Arzneimittel setzen Sie am häufigsten ein?

Bei einer solch vielgestaltigen Krankheit, die zudem Menschen mit unterschiedlichsten konstitutionellen Voraussetzungen und seelischen Bedürfnissen befällt, muss man die ganze Bandbreite homöopathischer Arzneien nutzen. Zum Glück sind aber die sogenannten Polyreste – homöopathische Arzneimittel, die eine breite Wirkung haben und häufig indiziert sind – oft wirksam.

Wie sind Sie zur Expertin in diesem Bereich geworden?

In die Zeit meiner klinisch-neurologischen Tätigkeit fiel auch meine homöopathische Ausbildung, sodass ich bei dem damaligen Mangel an geeigneten schulmedizinischen Therapiemöglichkeiten der MS häufig Homöopathie einsetzen durfte. Das war so ermutigend, dass ich mich als homöopathische Ärztin niederließ. Inzwischen habe ich über fast 40 Jahre eine Menge Erfahrungen mit MS–Patienten sammeln können. Trotzdem möchte ich mich noch nicht als Expertin für MS bezeichnen. Ich sehe mich eher als homöopathische Ärztin, die sich intensiv mit den verschiedenen Lösungswegen auseinander setzt, die uns die Homöopathie bei der Behandlung chronischer Krankheiten bietet.

Was raten Sie Patienten, die sich für das homöopathische Heilverfahren interessieren?

Wenn Sie bisher über lange Zeit mit einer der gängigen Immuntherapien und deren erträglichen Nebenwirkungen gut zurechtkommen, dann bleiben Sie  bei dieser Behandlung. Wenn Sie aber erhebliche Nebenwirkungen haben oder die MS von Fatigue, depressiven Verstimmungen oder anderen Körperkrankheiten begleitet wird oder Sie über einen sehr empfindlichen Organismus verfügen, denken Sie über eine  homöopathische Behandlung nach.

  1. Suchen Sie sich einen Experten für  homöopathische Therapie. Er sollte einen hohen Ausbildungsgrad haben und sich ständig weiterbilden. Im Idealfall wird das eher ein Arzt mit umfangreichen allgemeinmedizinischen Erfahrungen sein als ein Facharzt mit Tunnelblick auf das Krankheitsgeschehen und nur rudimentären homöopathischen Kenntnissen. Selbstverständlich nehmen wir aber als homöopathische Ärzte fachärztliche Untersuchungen gern in Anspruch. Ich persönlich bitte meine Patienten in größeren Abständen  durch bildgebende Verfahren Erfolg oder Misserfolg der homöopathischen Therapie zu kontrollieren.
  2. Machen Sie sich zum Experten Ihrer individuellen Wahrnehmung und berücksichtigen Sie dabei nicht nur die krankhaften Symptome sondern alle Auffälligkeiten Ihrer psychischen und körperlichen Reaktionen. Vermeiden Sie den Blick ins Internet, er hält Sie eher von einer wertfreien Wahrnehmung ab. Unter Umständen kann ein Achtsamkeitstraining  eine große Hilfe sein.

Ganz wichtig: nur das Zusammenspiel beider Experten, dem Ihres homöopathischen Arztes und dem Ihrer unverfälschten Empfindungen lässt homöopathische Heilarbeit gelingen. Und nun das wichtigste zum Schluss: lassen Sie nicht zu, dass Ihre Krankheit größer wird als sie selber.

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