Homöopathie – nur Wohlfühl-Effekte durch Zuwendung?

Es ist hinlänglich bekannt: Homöopathen nehmen sich Zeit für ihre Patient*innen. Dies steht –leider! – in oft krassem Gegensatz zum Alltag in rein konventionellen Arztpraxen oder Kliniken. Viele Ärztinnen und Ärzte aus dem Bereich der konventionellen Medizin sind Opfer eines Systems, das von der Ausbildung bis zur Anwendung nichts Anderes zulässt als „5-Minuten-Medizin“ und strikte Orientierung an „Leitlinien“. Sicher gibt es viele Ärztinnen und Ärzte, die sich redlich um einen anderen Umgang mit ihren Patienten bemühen und manchmal auch am System leiden!

Darf man es aber homöopathischen Ärztinnen und Ärzten zum Vorwurf machen, wenn sie sich mit der Methode der Homöopathie eine Nische suchen, die eine zeitaufwändige Zuwendung zum kranken Menschen nicht nur möglich macht, sondern geradezu verlangt?

Hahnemann hat klare Regeln formuliert, wie eine Anamnese sein muss, um zu einer erfolgreichen Arzneiverordnung zu kommen. Manche dieser Regeln klingen wie eine Vorwegnahme dessen, was heute im Bereich der Psychosomatischen Medizin Standard ist. Im Gegensatz aber zu einer geplanten Psychotherapie geht es im Falle der Homöopathie um das Erkennen eines möglichst individuellen und präzisen Symptombildes, dem eine Arznei in größtmöglicher Ähnlichkeit entsprechen muss.

Auch wenn es für Patienten ausgesprochen angenehm und vielleicht heilungsfördernd sein wird, wenn Ihnen „endlich mal jemand zuhört“, so kann es auch zum Gegenteil führen, nämlich dann, wenn das Zuhören mit gezielten Nachfragen verknüpft wird, die der Patient unter Umständen als lästig, peinlich oder in anderer Weise als unangenehm empfindet. Ein immer und in unterschiedlichem Maße zum Tragen kommender Placebo-Effekt kann in sein vollkommenes Gegenteil kippen, der Patient wendet sich vielleicht ab, weil er sich durchschaut, mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert oder gar nicht verstanden fühlt.

Ziel der Anamnese ist, die Krankheit zu verstehen

Wo Licht ist gibt es immer auch Schatten: wo Placeboeffekte denkbar sind können auch Noceboeffekte lauern. Ziel der Anamnese ist ja gerade nicht, dem Patienten in erster Linie ein angenehmes Gefühl des Verstandenseins zu vermitteln, sondern die Krankheit als solche in ihrer Entstehung, individuellen Ausformung und gesundheitswidrigen Konsequenz zu verstehen. Eine gute Anamnese ist immer auch Arbeit, für den Homöopathen sowieso, aber auch für den Patienten. Und diese Arbeit kann ausgesprochen mühsam sein für beide Beteiligten!

Für manch einen Patienten kann eine Stunde Anamnesezeit bereits zu viel sein, wenn er sich erschöpft fühlt oder hinter manchen Nachfragen keinen Sinn erkennen kann. Eine andere Patientin mag vielleicht enttäuscht sein, wenn die Anamnese nach zwei Stunden beendet wird, wo sie doch noch so viel zu erzählen gehabt hätte. In beiden Fällen besteht die Möglichkeit, dass eine passende Arznei bereits identifiziert wurde, positive Patientenerwartungen aber inzwischen enttäuscht sind, also weder der Homöopath noch die Arznei mit einer Placebo-Resonanz rechnen können.

Fazit

Auf die Idee zu kommen, dass allein ein empathisches Gespräch samt gezielter Nachfragen zwangsläufig zu einem angenehmen Gefühl und einer Placebo-Antwort führen müsse macht zweierlei deutlich:

·         Schlichte Placebo-Modelle werden einer komplexen Lebenswirklichkeit des Patienten sowie einer auf „Wohlfühl-Atmosphäre“ reduzierten homöopathischen Anamnese nicht gerecht.

·         Kritiker der Homöopathie überschätzen mangels eigener fachlicher Kompetenz und Erfahrung regelmäßig ihr Urteilsvermögen, wenn es – wie im Falle einer homöopathischen Anamnese –  um einen komplexen Prozess des Verstehens und zielgenauer Behandlungsperspektive geht.

Autor: Dr. med. Ulf Riker, Internist / Homöopathie

1 Kommentar

  1. Antworten

    S. Pauli

    Wenn meine Behandlung und der Erfolg des von mir verschriebenen Mittels alleine auf Placebo-Effekt zurückzuführen ist, dann müsste jedes Mittel einen Erfolg mit sich bringen – tut es aber nicht. Nur das ähnlichste Mittel funktioniert – und manchmal finden wir es (leider) nicht in der ersten Gesprächsrunde, sondern vielleicht erst in der dritten.

    Alleine daher hinkt das Ganze schon.

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