Homöopathie: Freie Therapiewahl ist ein Recht in einer offenen Gesellschaft

Dr. med. Ulf Riker macht sich in diesem Kommentar Gedanken über die Anti-Homöopathie-Kampagne, die er  als “fundamentalistisch” und “anti-demokratisch” erlebt. “Wählen-Gehen ist ´Pflicht` in Zeiten, in denen die offene und freie Gesellschaft in Gefahr gerät”, schreibt Riker,”und die freie Therapiewahl … ist ein Recht in einer solchen Gesellschaft!”

“In „Wahl“-Zeiten kann man gute Gründe für die „Grünen“ oder „Schwarzen“ finden, auch solche gegen die „Blauen“, das Spektrum der Farben ermöglicht freie Wahl für freie Bürger. Die individuelle Entscheidung gründet auf Lektüre der Parteiprogramme, auf Hinterfragen der konkreten Umsetzung, auf persönlichen sozialen Erfahrungen, auf einem privaten Wertegerüst und manchmal auf einem Bauchgefühl. Die Freiheit in einer offenen Gesellschaft macht es möglich, und solche Freiheit braucht den Einsatz mündiger Bürgerinnen und Bürger zu ihrem Erhalt.

Man kann für Homöopathie sein und muss sich trotzdem nicht gegen konventionelle Medizin positionieren, man kann sich vegan ernähren und im Urlaub in die Südsee jetten, man darf mit dem Fahrrad oder dem SUV zur Arbeit fahren oder kann den öffentlichen Nahverkehr nutzen. In jedem Fall müssen wir unser Handeln verantworten und gleichzeitig unsere Handlungsfreiheit erhalten. Das ist nicht immer leicht, wie man an der Kampagne gegen Homöopathie sehen kann:

  • Gegner der Homöopathie geben vor, Patientinnen und Patienten vor den Globuli schützen zu wollen. Sie klären nicht nur darüber auf, wie sie selbst die Sache sehen, sondern verlangen umgehend, dass auch die Medien und die Politik sich ihrer Sicht anschließen. Sie ersetzen den sachlichen Austausch durch Polemik und Manipulation.
  • Wäre Homöopathie umweltschädlich oder gesundheitsgefährdend, dann könnte man sich ihrer Warnung anschließen. Aber beides ist nicht der Fall: weder ist Homöopathie gefährlicher als „Schulmedizin“, noch sind Homöopathie-Nutzer fortschrittsfeindlich. Und sollten homöopathische Globuli im Müll oder Abfluss landen, dann resultiert auch keine Gefahr für die Umwelt (im Gegensatz beispielsweise zu Antibiotika handelt es sich ja „nur“ um Zucker…)
  • Homöopathie-Anwender sind in den Augen ihrer Gegner bestenfalls „gläubig“, in keinem Fall aber ernst zu nehmen, weil sie den Boden der Wissenschaft zu verlassen und einem ausschließlich materialistisch orientierten Weltbild den Rücken zu kehren scheinen. Aber auch das stimmt nicht: es handelt sich lediglich um die freie Wahl einer Therapie, genauso wie es sich in „Wahl“-Zeiten um die freie Wahl einer Partei handelt.
  • Die freie Wahl der Therapie ist flankiert von zahlreichen Möglichkeiten der Information („Dr. Google“), als deren beste das offene Gespräch zwischen Patient und Arzt gelten kann. Hier trifft die Selbstbestimmtheit des Individuums auf Ausbildung, Erfahrung und Verantwortung des begleitenden Arztes oder fachlich qualifizierten Therapeuten. Optimalere Voraussetzungen für Compliance und Therapiesicherheit gibt es nicht!
  • Den aktuellen Kampf gegen Homöopathie führen selbsternannte Experten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen, viele ohne medizinische Ausbildung und die allermeisten ohne homöopathische Zusatz-Qualifikation. Es ist, als würden Farbenblinde über Farbe sprechen. Respekt vor Individuen und ihrer persönlichen Erfahrung: Fehlanzeige! Respekt vor der akademischen Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten mit anerkannter Zusatzbezeichnung: Fehlanzeige!
  • Ohne Homöopathie werden die Wünsche der Patienten nach einer sanften und ganzheitlichen Therapieform bleiben, sie werden Alternativen suchen und finden. Sollten sich diese Alternativen dann als weniger sicher herausstellen, dann tragen die Kritiker der Homöopathie und eines Pluralismus in der Medizin die Hauptverantwortung dafür. Auch diesen Aspekt sollten Medien und Politiker ernsthaft hinterfragen, bevor sie sich allzu geschmeidig der Kampagne von Skeptikern anschließen.
  • Die Kampagne gegen Homöopathie trägt auch destruktive Züge: sie negiert gebetsmühlenartig Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und hat zum Ziel, aufgeklärten Patientinnen und Patienten eine erfolgversprechende Behandlungsoption vorzuenthalten, ohne im Gegenzug geeigneten Ersatz anzubieten. Homöopathie hat ebenso ihre Grenzen wie auch die „Schulmedizin“, letztere ist aber für kranke Menschen kein Ersatz, wenn sie bereits die Grenzen „Standart-Therapie“ am eigenen Leib erlebt und erfahren haben.
  • Homöopathie-bashing ist ziemlich risikolos: man kann sich hinter hehren Motiven wie Patientenschutz, Aufklärung oder Wissenschaftlichkeit verstecken und ist für die Folgen nicht verantwortlich. Zum Beispiel, wenn Patientinnen und Patienten bei Quacksalbern ohne Ausbildung oder selbsternannten Heilern landen und dann tatsächlich ohne adäquate Behandlung in Gefahr geraten.

Kann man allen Ernstes Bürgerinnen und Bürger eines Landes als wahlmündig betrachten und zum Urnengang aufrufen, aber ihnen gleichzeitig die Mündigkeit absprechen, bei Therapieentscheidungen mit zu bestimmen, in dem man ihnen entsprechende Wahlmöglichkeiten nimmt? Zur Klarstellung: Wählen-Gehen ist „Pflicht“ in Zeiten, in denen die offene und freie Gesellschaft in Gefahr gerät. Und freie Therapiewahl nach sorgfältiger Abwägung ist das Recht in einer solchen Gesellschaft.

Die Anti-Homöopathie-Kampagne trägt fundamentalistische Züge: sie ist an den quasi-ideologischen Grundsätzen eines materialistischen Weltbildes orientiert und lässt keinen Platz für Toleranz und Austausch. Insofern ist die Kampagne auch antidemokratisch. Die tatsächlichen Hintergründe der Anti-Homöopathie-Kampagne zu recherchieren wäre eine lohnende Aufgabe…”

Autor: Dr. med. Ulf Riker, Mai 2019

Ebenfalls von Dr. Riker: Ein Blick hinter die Kulissen der Homöopathie-Kritik

Anmerkung: Inzwischen hat sich eine Bewegung gegründet, die sich für Bürger- und Patientenrechte einsetzt, die eine Gleichstellung von Naturmedizin und Schulmedizin fordert.

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