Homöopathie: Konnte sich ein Teenager mit Arsen-Globuli vergiften?

Ein Mädchen aus der Schweiz nimmt über Jahre bis zu 50 Arsen-Globuli pro Tag und entwickelt nach Ansicht eines involvierten Mediziners eine chronische Arsenvergiftung – verschiedene Medien berichteten darüber. Kann das sein? Oder machte das Mädchen eine unfreiwillige homöopathische Arzneimittelprüfung und belegte damit einmal mehr die arzneiliche Wirkung von Globuli?

Zunächst fehlt jede Angabe darüber, in welcher Potenz die Globuli eingenommen wurden. In Anbetracht der Giftigkeit von weißem Arsen wird diese Substanz nicht unter C 6 bzw. D 12 in den Handel gebracht. Kürzlich wurde medienwirksam erklärt, dass C 7 einer Auflösung von 5 ml Wirksubstanz in der Müritz entspräche, was ja deutlich macht, dass die Konzentration der Moleküle bei einer solchen Potenz bereits verschwindend gering ist. Andererseits enthält unser Grundwasser zwischen 1 und 2 Mikrogramm Arsen pro Liter, die WHO empfiehlt als Obergrenze 10 Mikrogramm Arsen im Liter Trinkwasser. Das entspricht in etwa einer Potenz D 8, so viel wäre also „erlaubt“, und zwar unabhängig davon, ob man jetzt wenig oder viel trinkt. Eine D12 wäre nochmals 10 000-fach verdünnt.

Die Zahl der Globuli spielt eine untergeordnete Rolle, denn die Masse von 5, 10 oder 50 Globuli korreliert nur mit der Menge Rohrzucker (Saccharose) oder Milchzucker (Lactose), der als Trägerstoff zur Anwendung kommt; bestenfalls bekommen Menschen mit Lactose–Intoleranz bei entsprechende Symptome (z.B. Blähungen, Durchfall), Saccharose macht normalerweise gar keine Symptome (Ausnahme: Diabetes).

Eine Vergiftung ist unwahrscheinlich

Es ist also äußerst unwahrscheinlich, dass die regelmäßige, tägliche Einnahme von bis zu 50 Globuli Arsen einer C 6 oder D 12 – Potenz zu Vergiftungserscheinungen führt. Das ist auch der Grund, warum Kritiker der Homöopathie demonstrativ und öffentlichkeitswirksam ein ganzes Gläschen mit ca. 1000 Globuli Arsen einnehmen konnten, ohne sich zu schaden: sie erlitten keine – akute! – Arsenvergiftung und wollten damit zeigen, dass in homöopathischen Arzneien kein wirksamer Stoff enthalten sei.

Hätte es sich bei dem Mädchen aus der Schweiz durch die regelmäßige Einnahme über lange Zeit um eine – chronische – Vergiftung gehandelt, dann hätte man andere Symptome erwarten müssen: z.B. Hautveränderungen (Pigmentstörungen, Verhornungsauffälligkeiten), anfängliche Blutarmut und späterer Anstieg von roten Blutkörperchen und rotem Blutfarbstoff (Polyglobulie), Entstehung von Trommelschlägelfingern und Uhrglasnägeln, schlimmstenfalls die Entwicklung von Tumoren. Diese Symptome würden auch nicht bereits eine Woche nach Absetzen wieder abklingen. Eine Vergiftung ist also aus mehreren Gründen in diesem Fall nicht plausibel!

Was aber könnte passiert sein?

Wenn ein gesunder Organismus längerfristig einer homöopathisch zubereiteten Substanz ausgesetzt wird, dann kann er eine – unfreiwillige! – Arzneimittelprüfung durchmachen. Er entwickelt also Symptome, die ihm künstlich aufgezwungen werden. Erfahrenen Homöopathen sind solche Symptome aus den Arzneimittelbildern der potenzierten Substanzen bekannt. Dabei bestehen die auftretenden Symptome nicht nur aus Erscheinungen wie „Durchfall“, „Schlaflosigkeit“ oder „Müdigkeit“, sie haben bei genauerem Hinsehen auch noch wichtige zusätzliche Phänomene, nämlich bestimmte Empfindungen (bei Arsen z.B. „brennen“, der Durchfall kann scharf sein und zu Wundheit und Brennen am After führen) und – ganz wichtig – bestimmte Modalitäten, unter denen die Symptome schlimmer oder besser werden. Diese nähere Spezifizierung der Erscheinungen fehlt allerdings in dem Bericht. Das rasche Zurückgehen der Beschwerden bereits nach einer Woche könnte zu einer Arzneimittelprüfung passen: es handelt sich ja genau nicht um eine substantielle „Vergiftung“, sondern um die subjektive Wahrnehmung von Symptomen, denen aber keine eigentliche Krankheit zu Grund liegt.

Homöopathie löste eine Reaktion des Organismus aus

Das Beispiel zeigt also, dass homöopathische Zubereitungen ganz offensichtlich Reaktionen im Organismus auslösen können, obwohl sie das ja eigentlich gar nicht „dürfen“, weil sie ja bereits in  C 6 oder D 12 – Potenz so hoch verdünnt sind, dass mit einer Wirksamkeit gar nicht zu rechnen ist. Im Fall des Mädchens ist eine Vergiftung äußerst unwahrscheinlich, die auftretenden Erscheinungen wurden aber mit der Einnahme ursächlich in Verbindung gebracht, daher ist eine unfreiwillige Arzneimittelprüfung die wahrscheinlichste Erklärung. Dafür spricht auch, dass die Prüfungs-Symptome nach Absetzen relativ rasch wieder verschwanden.

Die Annahme des zugezogenen “Heilmittelinstitutes“ (Swissmedic), die Beschwerden des Mädchens seien womöglich „Hilfsstoffen, aber nicht dem Arsen zuzuordnen“ ist nicht plausibel: homöopathische Arzneien verzichten, im Gegensatz zu allopathischen Medikamenten, auf „Hilfsstoffe“, lediglich der Trägerstoff (Haushaltszucker) spielt eine Rolle. Insofern ist die Gewichtszunahme des Mädchens vielleicht auf die zugeführte Gesamtzuckermenge zurück zu führen.

Eines bleibt am Ende aber auf jeden Fall unklar: wie kommt ein junges Mädchen über Jahre an die homöopathische Arznei Arsenicum album, ohne dass es den Eltern auffällt? Aber das ist ein anderes Thema….

Autor: Dr. med. Ulf Riker, Internist – Homöopathie, München

1 Kommentar

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Font Resize