Interview mit Wissenschaftler Dr. Tournier: “Wir haben genügend Beweise, die für die Homöopathie sprechen”

Dr. Alexander Tournier ist in Paris aufgewachsen, hat in Cambridge und Heidelberg Physik studiert und war 10 Jahre in der Krebsforschung in England tätig. 2007 gründet er das Londoner Homeopathy Research Instituts (HRI), das zum Teil auch auf deutsch informiert. Der Physiker Tournier ist in der Grundlagenforschung tätig und beschäftigt sich auch mit dem Wirkmechanismus der Homöopathie.

Ist die Homöopathie weltweit verbreitet?

Ja. Die Homöopathie gehört zu den am häufigsten genutzten Methoden weltweit. In Europa wird sie von etwa 100 Millionen Menschen angewendet – außerdem wird sie immer häufiger in der Veterinärmedizin eingesetzt, nicht nur auf Bio-Höfen. Auch in Indien und in Süd- und Nordamerika ist die Homöopathie sehr weit verbreitet, genauso seit einigen Jahren in Russland.

Woran liegt die starke Nachfrage?

Die Homöopathie lässt sich mit relativ wenig Aufwand erfolgreich anwenden, das macht sie vor allem für ärmere Länder attraktiv. In den industrialisierten Ländern hingegen hat die Homöopathie viel Zustimmung, da hier die konventionelle Medizin zunehmend kritisch hinterfragt und die Homöopathie ergänzend oder alternativ eingesetzt wird.

Wird die Homöopathie auch weltweit erforscht?

Nein, Schwerpunkt der Forschung ist eindeutig Europa. Weitere wichtige Länder sind aber auch Indien und Brasilien.

Wird die Forschung staatlich unterstützt?

In manchen Ländern ja, aber Fakt ist, dass es zu wenige Forschungsgelder für diesen Bereich gibt. In Deutschland werden Studien zum Beispiel hauptsächlich über kleinere private Stiftungen finanziert, staatliche Lehrstühle gibt es nicht.

Warum ist das so?

Ein Grund ist, dass in vielen Medien in Europa die wissenschaftliche Evidenz der Homöopathie bezweifelt wird, dies macht es inzwischen schwerer, Forschungsgelder zu beantragen. Oft heißt es, dass die vorliegende Studienlage keine weitere Forschung zulasse, da weitere Forschung eine Verschwendung von Ressourcen sei. Inzwischen hat sich diese Haltung bis in die Entscheidungsgremien durchgesetzt.

Wird die Homöopathie gezielt angegriffen?

Ja, von gut organisierten Gruppen, die in vielen Ländern aktiv und gut vernetzt sind. Sie verbreiten Aussagen wie: Homöopathie sei nicht besser als Placebo, positive Studien gebe es keine oder weitere Forschung sei nicht nötig. Interessant ist, dass diese organisierten Angriffe mit der Beliebtheit der Homöopathie stärker werden.

Gibt es ausreichend Belege für die Wirksamkeit der Homöopathie?

Wir haben genügend Beweise, die für die Homöopathie sprechen, um weitere Forschung zu rechtfertigen. In Wissenschaftskreisen bedeutet diese Aussage viel! Bis Ende 2014 wurden 189 randomisierte kontrollierte Studien zur Homöopathie bei 100 verschiedenen Erkrankungen in peer-reviewed Zeitschriften veröffentlicht. Darunter sogar 104 Studien, die Placebo-kontrolliert und für eine weitere detaillierte Bewertung in Frage kommen. Vergleicht man dieses Ergebnis mit systematischen Übersichtsarbeiten von RCTs zu schulmedizinischen Behandlungen kommt man zu einem auffällig ähnlichen Ergebnis.

Warum ist Homöopathie aus Ihrer Sicht umstritten?

Das Problem: Wieso wirkt eine hochverdünnte Substanz, in der nach heutigen Möglichkeiten kein Molekül des Ausgangsstoffs nachweisbar ist? Die Homöopathie scheint im Widerspruch zu den grundlegenden Annahmen der Naturwissenschaft  zu stehen. Es gibt noch zu viele offene Fragen und solange wir keinen besseren Einblick in den Wirkmechanismus haben, wird die Homöopathie umstritten bleiben.

Sie kritisieren speziell eine australische Studie, warum?

Es geht um eine Studie, die die australische Gesundheitsbehörde National Health and Medical Research Council (NHMRC) 2015 veröffentlichte. Es hieß, es sei in einer groß angelegten Übersichtsstudie keine Wirkung der Homöopathie festgestellt worden. Wir haben die Studie analysiert und wissen: Mit dieser Studie wird die Öffentlichkeit getäuscht. In unserem Bericht haben wir viele Unstimmigkeiten dokumentiert, dies sind keine Fehler, das sind Fälschungen.

Zum Beispiel?

Die veröffentlichte Studie ist die zweite Version. Zuvor wurde von einem anderen Studienleiter eine Studie mit einem angeblich positiven Ergebnis für die Homöopathie erstellt. Es scheint, als ob die Kriterien für die zweite Studie dann so gewählt wurden, dass ein negatives Ergebnis herauskommen musste.

Anmerkung der Redaktion: Der BPH berichtete am 2. Oktober über diese Studie.

Und jetzt?

Wir haben unseren Bericht dem Commonwealth-Ombudsman vorgelegt, der zunächst beurteilen musste, ob unsere Beschwerde fundiert ist. Unsere Beschwerde wurde akzeptiert und der Ombudsmann hat nun seine Arbeit aufgenommen. Es gibt eine internationale Petition, mit der wir Druck auf die Verantwortlichen machen, damit die erste Studie veröffentlicht wird.

 

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