Kommentar: Böhmermann und die Homöopathie

Dr. med. Ulf Riker kommentiert die Böhmermann-Sendung vom 13. Juni 2019:

Wenn Böhmermann ein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan verfasst, dann positioniert er sich gegen einen Despoten, der die Freiheit mit Füßen tritt; man möchte ihm Mut und Einsatz für die Freiheit des Wortes attestieren. Aber der Satiriker wird zur Mimose, wenn die Bundeskanzlerin  sein Gedicht als „absichtlich verletzend“ wertet und strengt gegen Merkel eine Unterlassungsklage für diese Einschätzung an; diese Klage wurde inzwischen abgewiesen. Wenn Böhmermann die Homöopathie aufs Korn nimmt, dann verlässt er sehr schnell den  Bereich guter Satire und befindet, dass Homöopathen „Scheiße labern“.

Er nimmt es locker mit Millionen von Patientinnen und Patienten auf, denen er als „besserverdienenden Intellektuellen“ die Fähigkeit abspricht, die Wirkung homöopathischer Behandlungen am eigenen Leib zu erfahren und richtig einzuschätzen. Die zuständigen Ärzte und Heilpraktiker nennt er „Hochstapler“ und „gewerbsmäßige Lügenbarone“ und beleidigt damit pauschal z.B. mehr als 5.000  Ärzte in Deutschland, die neben ihrer konventionellen medizinischen Qualifikation noch eine zweite, nämlich die homöopathische Kompetenz erworben haben.

Bei Böhmermann wird Satire im Handumdrehen zur Polemik. Auch wenn er sich ohne Zweifel die Rückendeckung aller ZDF-Justitiare eingeholt hat: in diesem Fall tritt er die Freiheit der Therapiewahl mit Füßen und maßt sich die Kompetenz an, eine über 200-jährige und weltweit bewährte Heilmethode verurteilen zu können. Er tut das ganz im Sinne einer Bewegung sogenannter Skeptiker, die sich die Zerstörung der Homöopathie auf ihre Fahnen geschrieben haben. Ungeniert bedient er sich in seiner Sendung der immer gleichen Kronzeugen bzw. selbsternannten Experten, die ohne eigene Fachkompetenz und teilweise ohne medizinische Ausbildung die Homöopathie als „nicht wirksamer als Placebo“ einschätzen. Dabei berufen sie sich auf fehlende Studien und daher fehlende Evidenz, diese Einschätzung ist aber definitiv falsch und wird auch durch gebetsmühlenartige Wiederholung oder Einbettung in eine Satiresendung nicht richtiger.

Während man im Falle des Erdogan-Schmähgedichtes noch Mut annehmen konnte, ist im Falle der Schmähung der Homöopathie das Gegenteil der Fall: mediales Homöopathie-bashing ist derzeit in Mode, birgt kein Risiko, man hat manche  Lacher auf seiner Seite, wird damit aber auch Teil einer Kampagne, die sich um tatsächliche Probleme in Medizin und Gesundheitssystem (z.B. Antibiotikaresistenzen, Pflegenotstand etc.) nicht im geringsten kümmert, dafür in den eigenen Reihen Glyphosat befürwortet und sich damit zumindest nicht von den Interessen der chemischen und pharmazeutischen Industrie distanziert. Die mangelnde intellektuelle Redlichkeit hatte jüngst bereits Prof. Matthiessen als Begründer des „Dialogforums Pluralismus in der Medizin“ mit zahlreichen anderen medizinischen Ordinarien bemängelt. Das ZDF unter seinem Intendanten Thomas Bellut muss sich fragen lassen, ob die Beteiligung an wenig fundierter, aber umso aggressiver vorgetragener Verunglimpfung zahlloser Patientinnen und Patienten sowie deren Ärzte ein „Betriebsunfall“ war oder doch eher Absicht? In letzterem Falle werden Homöopathen sicher keine Steilvorlage für Böhmermann liefern und sein Angebot nicht annehmen, ihn auf Unterlassung seiner Schmähungen zu verklagen. Allerdings dürfen Nutzer des gebührenfinanzierten Fernsehens erwarten, dass ihr Programm durch ein Mindestmaß an gegenseitigem Respekt gekennzeichnet und die Grenzen zwischen Satire und polemischer Kampagne berücksichtigt werden. Der Vorwurf, öffentliche Medien würden fake-news verbreiten kam bislang nur aus der rechtsextremen Ecke und von Seiten der AfD. Aber auch kritische und mündige Bürger, ob „besserverdienend“ oder nicht, könnten zunehmend das Vertrauen in die journalistische Seriosität verlieren.

Kritischer Journalismus inkl. Satire ist in einem freien Land und für freie Bürger von hohem Wert. Ehrenrührige Polemik kann zur Verrohung der Sitten im gesellschaftlichen Diskurs beitragen und dazu führen, dass – wie im Netz bereits üblich – jeder sagen und labern kann, was er will, und sei es nur „Scheiße“! Auf Böhmermann können sich manche Fäkal-Twitterer jedenfalls beziehen.

Autor: Dr. med. Ulf Riker, Internist – Homöopathie, Vorsitzender LV Bayern im DZVhÄ

3 Kommentare

  1. Antworten

    Elke

    Vielleicht sollten Sie sich mal 5 Minuten Zeit nehmen um sich darüber zu informieren was es mit dem vermeintlichen Hummer-Paradoxon tatsächlich auf sich hat:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hummel-Paradoxon

    “Erkannten Gesetzmäßigkeiten jedoch sollte man als kluger Therapeut zum Wohle seiner Patienten folgen!”

    Mit erkannten aber wissenschaftlich nicht überprüften “Gesetzmässigkeiten” ist es so eine Sache. Die haben in der Vergangenheit so Dinge wie Regentänze, Hexenverbrennungen und Tieropfer hervorgebracht.

  2. Antworten

    Jan

    Danke für diesen Kommentar, Herr Dr. Rieker. Sie sprechen mir aus der Seele. Dieses Heilpraktiker- Homöopathie-Bashing nimmt in dem öffentlichen „Diskurs“ derzeit Formen an, die mit einem Austausch von Positionen nichts mehr zu tun hat. Das wirkt wie dreister Kampagnenjournalismus, der nichts anderes verfolgt, als Meinungen in Gehirnen von leicht beeinflussbaren Menschen zu verpflanzen.

  3. Antworten

    Danke für Ihren ausführlichen Kommentar, Herr Dr. Rieker. Dass die Homöpathie öffentlich bloßgestellt wird, ist natürlich besonders ärgerlich. Das ist zum einen sehr unangenehm, da Apotheken und Ärzte Zusatzhonorare bekommen, wenn sie Homöopathie empfehlen. Und speziell den Apotheken würde es schmerzlich missfallen, wenn dieses lukrative Standbein wegbricht. Der Einkaufspreis von Homöopathie ist im Vergleich zu teuren, sogenannten “wirksamen” Pillen weitaus geringer.

    Feige ist Herr Böhmermann vorallem dadurch, dass er sich unter dem Deckmantel der Satire schützen möchte. Am Ende des Tages kann er argumentiere, “alles nur Spaß gewesen!”. Da ist es auch ganz nebensächlich, was für eine Rolle der Intellekt einer Person im wissenschaftlichen Kontext für eine Rolle spielt: Nämlich gar keine. Ob ein “besserverdienender” Intellektueller wirksame Medizin zu sich nimmt oder ein Schulabbrecher … Das spielt für klinische Studien leider keine Rolle. Es ist also gut, dass sie den Begriff des Intellekts hier ins Spiel bringen. Besserverdienen, das ist wohl im Fall von Homöpathie-Opf… äh -Kunden doch relevant, denn da sollte man doch schon tiefer in die Tasche greifen können.

    Was Herr Böhmermann völlig außer Acht gelassen hat, sind Antibiotika-resistente Keime und die Krise im Pflegebereich. Dagegen hat nämlich die Homöopathie absolut wirksame Präparate: Die überforderte und unterbezahlte Pflegerin nimmt am Besten reichlich Bachblütentropfen. Und den Keimen rückt man mit Meditonsin zu Leibe – enthält ja immerhin genug Alkohol.

    Auf Ihre Aussage “Diese Einschätzung ist aber definitiv falsch”, muss auch keine Begründung kommen, warum sie denn falsch sei. Es ist doch immerhin eine Schmach, wenn Böhmermann behauptet, man müsse einen klinischen Nachweis der Wirksamkeit erbringen! Man kann hier nicht einfach den Maßstab der Medizin darüberstülpen. Das wäre ja so, als ob man den Nährwert von Birnen und birnengroßen Steinen vergleichen würde. Homöopathie funktioniert nunmal ganz anders. “Wer heilt, hat recht!” – und da ist es doch völlig einerlei, ob man nun wissenschaftlich nachweist, wer am Ende des Tages geheilt hat. Die körpereigene Immunabwehr oder ein paar teure und wunderschön verpackte Globuli. Wer mich geheilt hat, das bestimme schon ich selbst! Man muss sich nicht alles von außen sagen lassen.

    Auch was Respekt anbelangt, teile ich voll und ganz ihre Lebensphilosophie! Egal aus welcher Ecke man kommt, man trifft sich unbedingt auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Ob das nun ein Albino-jagender Mörder in Afrika ist, der die Knochen seiner Opfer als Heilmittel verkauft, oder ein chinesischer Händler, der aus gemahlenen Beuteltierschuppen Potenzmittel anrührt, was chemisch gesehen mit zermahlene Fingernägeln und Haaren viel gemeinsam hat. Diesen beiden Menschen begegne ich mit Respekt, aus Prinzip! Ich respektiere deren Einstellung, deren Ideale und Lebensweise. Sie haben eine Überzeugung und das ist genau das, was dem Herrn Böhmermann fehlt. Denn wer von seiner Sache überzeugt ist, der versteckt sich nicht hinter dem Deckmantel der Satire. Das wäre ja gerade so, als ob man Produkte herstellt, deren ausgewiesene, medizinische Wirkung gar nicht nachgewiesen wurde und dann sagt man am Ende: “War doch nur Spaß, ist ja auch keine ‘Medizin’ in dem Sinne!”. Sowas wäre überaus feige und respektlos.

    Dafür danke ich Ihnen, Herr Doktor Riker, denn sie sind dieser hasserfüllten Sendung mit Respekt begegnet und haben die Fakten auf den Tisch gelegt: Böhmermann hilft nicht gegen Glyphosat oder den Pflegenotstand, er hat keinen Respekt und wiederholt Dinge gebetsmühlenartig. Er schmäht 200 Jahre alte Erkenntnisse, die sich bis heute bewährt haben, so wie beispielsweise die damals von Ärzten in Amerika empfohlenen Zigaretten oder die überaus beliebte Lobotomie.
    5000 gut geschmierte Ärzte in Deutschland gegen “nicht vorhandene medizinische Studien” – wer gewinnt da wohl? Schattenboxen gegen nicht erbrachte Nachweise, ein paar Schläge in die Luft. Ich glaube, ich wette auf die 5000 Ärzte!

    Mit besten Grüßen und ein paar Ferrum Phosphoricum intus:
    Mnemosyne, der Fluss der Erkenntnis

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