Dr. Sigrid Kruse im Interview: So funktioniert Homöopathie im Kinderkrankenhaus

Die Homöopathie steht nach 24 Jahren in der Universitätskinderklinik München, dem Dr. von Hauner`schen Kinderspital, vor dem Aus. Der Vertrag mit Dr. Sigrid Kruse wurde nicht verlängert und endet im Juni. Das Projekt hat viele Krankenhäuser überzeugt, auch die Homöopathie zu integrieren. Nun reagieren viele Ärztinnen und Ärzte, Eltern, Patienten- und Therapeutenverbände entsetzt und haben sich an die Klinikleitung und die Politik gewendet. Reaktionen lesen sie hier. Kinderärztin Dr. Sigrid Kruse erzählt im Interview*, wie die Homöopathie in der Klinik eingesetzt wird.

Wann begann das Homöopathie-Modellprojekt?

Es begann 1995 – also vor 24 Jahren! Ausgangspunkte waren die Fragen, gibt es überhaupt einen sinnvollen Einsatz der Homöopathie an einer Universitätskinderklinik? Kann sie unter den kritischen Augen der Oberärzte bestehen? Das können wir nun mit Ja beantworten. Ich freue mich, dass das hier miteinander so möglich ist.

Kann die Homöopathie überhaupt im Zusammenspiel mit der High-Tech Medizin eingesetzt werden?

Am Anfang war ich da auch sehr skeptisch, und dachte wie soll das gehen. Aber zum Beispiel bei Unruhe. Das ist eine Situation, die wir bei sehr vielen Kindern erleben, wenn sie krank sind. Und niemand gibt den Kindern gerne Beruhigungsmittel, etwa schon in der Neonathologie, wenn wir da die Kinder mit den passenden Globuli wieder ins Lot kriegen, das sie wieder schlafen und ausgeglichen sind. Die typischen Unruhephasen bei Frühgeborenen oder durch Blähungen oder bei Drogenentzugssymptomen, da haben wir schon sehr gute Erfahrungen mit Globuli gemacht. Wir geben die Homöopathie in solchen Situationen begleitend, aber wenn die Kinder dann rasch nach der Gabe ruhig werden, dann ist der Zusammenhang offensichtlich.

Wie viele homöopathische Ärzte arbeiten hier in der Klinik?

Wir haben hier zwei Stellen für homöopathische Ärzte, die jeweils von einer Krankenkasse finanziert werden, dadurch wird es möglich, hier eine begleitende homöopathische Behandlung zu machen. Wir werden gerufen, wenn eine Indikation besteht, und die Kollegen sehen, hier kommen wir an unsere Grenzen, hier ist ein sogenannter Therapienotstand, oder die Schwestern sehen, wie unruhig das Kind ist oder die Eltern fragen nach, was können wir denn noch machen? Häufige Indikationen sind Unruhe, Trinkschwäche bei Frühgeborenen oder Hirnblutungen dritten Grades, das ja auch keine Bagatellerkrankung ist, haben wir schon einige sehr gute Reaktionen erlebt. Aber auch begleitend in der Onkologie, bei den krebskranken Kindern, abfangen der Nebenwirkungen der Chemotherapie, wie etwa Übelkeit, Entzündung der Mundschleimhaut oder Durchfälle, Ängste oder Verhaltensauffälligkeiten – wir können auch gut auf der Intensivstation helfen.

…und wie war das mit den Oberärzten?

Am Anfang wurde das sehr kritisch beäugt was ich da mache, es gab immer die Sorge, dass in der konventionellen Therapie nichts versäumt wird, nur weil ich Globuli gebe. Natürlich ist zunächst immer eine gute Diagnostik nötig, damit wir wissen, was hat das Kind eigentlich, um dann zu entscheiden, welche Therapie ist jetzt die bestmögliche. Wenn die Homöopathie eine gut Möglichkeit darstellt, werde ich gerufen. Bei chronischen Krankheiten mache ich dann eine ausführliche Anamnese, oder in Akutsituationen auch mit bewährten Indikationen schnell zu helfen. Es geht immer darum, mit der passenden Arznei dem Kind zu helfen, wieder ins Lot zu kommen, einen Impuls zu geben wieder zu regulieren, was dann der Körper macht.

Sie leisten hier ja Pionierarbeit. Wann haben Sie gemerkt, dass die Akzeptanz kam?

Es ist ein Prozess. Immer wenn eine Behandlung bei einem Kind sehr eindrucksvolle Reaktionen gezeigt hat, dann hat das überzeugt – mehr als Studien. So ist das Vertrauen nach und nach gewachsen. Es kommen natürlich auch immer neue Kollegen, die zuerst erstaunt sind, dass hier Homöopathie angewendet wird, die das erst einmal kennenlernen müssen und sehen, dass das Hand in Hand geht. Das wünschen wir uns natürlich auch für andere Kinderkliniken.

Wie funktioniert die Homöopathie in der Kinderklinik?

Sowohl bei den kranken Kindern in der Ambulanz wie auch auf den Stationen werden zunächst Untersuchungen durchgeführt, um die Diagnose des Kindes zu stellen. Danach wird von ärztlicher Seite die Therapie gewählt. Wenn der Arzt die Indikation für eine begleitende homöopathische Therapie sieht, dann wird ein homöopathisches Konzil angefordert. Das bedeutet, dass eine der beiden homöopathischen Klinikärztinnen dazu gerufen wird. Zunächst wird bei chronischen Krankheiten eine umfassende homöopathische Anamnese erhoben, die etwa 1-2 Stunden Zeit beansprucht. Danach erfolgt die körperliche Untersuchung des Kindes, um es mit allen Sinnen zu erfassen. Anschließend wird eine kurze Videoaufnahme des kleinen Patienten gemacht. In der abendlichen Supervision bei der erfahrenen homöopathischen Kinderärztin Dr. MiraDorcsi-Ulrich wird die passende homöopathische Arznei individuell für dieses Kind mit dieser Erkrankung gewählt. Bei akuten Erkrankungen erfolgt die Gabe einer homöopathischen Arznei rascher. Eine Reaktion des Kindes ist innerhalb von Stunden bis Tagen zu erwarten, je nachdem, wie akut eine Erkrankung ist.

In welchen Bereichen wird die Homöopathie eingesetzt?

Die Homöopathie wird in der Kinderklinik als begleitende Therapie sowohl bei ambulanten – inklusive Notfallambulanz – wie auch bei stationär behandelten Kindern eingesetzt. Dabei ist das hauptsächliche Einsatzgebiet dort, wo die konventionellen Therapiemöglichkeiten unbefriedigend sind. Besonders bewährt hat sich eine begleitende homöopathische Therapie beispielsweise bei den ambulanten Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie zum Beispiel Muskelzuckungen, Migräne, therapieresistenter Epilepsie, in der Entwicklungsneurologie bei behinderten Kindern, in der Allergologie bei Kindern mit Neurodermitis und Asthma bronchiale, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Bei den stationär behandelten Kindern seien exemplarisch einige Indikationen für eine begleitende homöopathische Therapie genannt: Neugeborene: Unruhe und Schreiattacken bei Frühgeborene und Säuglinge, Hirnblutung dritten Grades bei Frühgeborene, Drogenentzugssyndrom. Onkologie: Begleitende homöopathische Therapie zum Abfangen der Nebenwirkungen der Chemotherapie und der Bestrahlung zur Verbesserung der Lebensqualität der Kinder. Chirurgie: Wundheilungsstörungen, Verbrennungen, Ängste der Kinder, postoperativer Harnverhalt.

*Das Interview wurde vor zwei Jahren geführt, die Zahlen wurden angepasst.

Christoph Trapp

2 Kommentare

  1. Antworten

    Uwe Wein

    Eine sog. Wissenschaftlerin, die die Berechtigung und Aussagekraft von Studien gegenüber anekdotischen Einzelfallerfahrungen in Frage stellt. Gut, dass die weg ist!

    • Trapp
      Antworten

      Hallo Herr Wein,
      eine Fachärztin für Kinderheilkunde, die 24 jahre in einer Uniklinik arbeitet, sammelt Erfahrungen, die durch keine Studien ersetzt werden können. Dies ist nicht nur in der Homöopathie so, das ist zum Glück in der Medizin generell so. Auf wie viel Prozent schätzen Sie den Anteil der Evidenzbasierten Medizin in der Kinderheilkunde? 10 oder 20 Prozent?
      Viele Grüße, Christoph Trapp

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